Mit den TecFeeds hat O'Reilly eine neue Marke aufgelegt, die kompakt, unkompliziert und schnell Praxiswissen für Webentwickler und Programmierer bereitstellt. Auf 50 bis 60 Seiten erhält der Leser einen High-Tech-Happen, der ihn in einem Spezialthema sättigt. Präsentierteller dieser IT-Degustation ist das PDF-Format. Die TecFeeds können direkt beim Verlag bestellt werden. Wer mit PayPal bezahlt, erhält einen Zugangsaccount und lädt sich sein Produkt herunter. Schneller als Express und selbstverwaltet.
In der Praxis
Ich habe in einige der TecFeeds reingelesen. Deren Seitenzahlen folgen einem Urprinzip der Usability: gerade ausreichend und nicht zu viel. Und wo wir gerade bei Usability sind, exemplarisch der TecFeed "Ajax Usability" von Scott Raymond. Es handelt sich dabei um Kapitel 6 seines Buches "Ajax on Rails". (Hätte man die ursprünglichen Schwarz-Weiß-Abbildungen nun nicht in Farbe präsentieren können?) Zunächst findet sich eine übersichtliche Darstellung allgemeiner Usability-Prinzipien. Anschließend wird der Webkontext beleuchtet, ehe beide in zwei weiteren Kapiteln mit den produktiven Einsatzmöglichkeiten abgeglichen werden. Der Inhalt ist einleuchtend dargestellt und so mancher Gewohnheit werden vermutlich überraschende Aufforderungen anheim getragen: "Arbeiten Sie mit dem Geist" oder "Verwenden Sie Ajax nicht zur Navigation", heißt es da. Auch das Progressive Enhancement fließt in die Darstellung ein und sorgt auf Basis der Trennung von Inhalt, Design und (interaktivem) Verhalten für plattformübergreifendes Wissen.
Gut übersetzt
In der guten Übersetzung von Thomas Demming werden an elementaren Beispielen wie Links und Formularen die Notwendigkeiten und/oder Konsequenzen für die AJAX-Entwicklung überzeugend vermittelt und vor allem auch mal Fallback-Möglichkeiten bei abgeschaltetem JavaScript berücksichtigt. Chapeau kann man da nur sagen.
Ich öffne einen zweiten TecFeed, der wie Ajax ein aktuelles Thema behandelt: Mikroformate, das selbsternannten Webäquivalent der Steuererklärung auf einem Bierdeckel. Diesmal handelt es sich nicht um einen Buchauszug, sondern um die Übersetzung des amerikanischen O'Reilly-Büchleins "Using Microformats" von Brian Suda aus der Short-Cut-Reihe. Nikolaus Schüler hat übersetzt.
Wer Abhandlungen kennt und zugleich insbesondere mit HTML semantisch umgehen will, also inhaltsbezogen beschreiben, den überkommt bei Mikroformaten immer ein mulmiges Gefühl. So manche Konstruktion scheint eher für semantische Zerstreuung als für inhaltliche Verdichtung zu sprechen. Alle semantischen Bestrebungen scheinen in die Attribute verlagert zu werden. Jede Differenzierung benötigt wiederum (unsemantische) HTML-Elemente, die dann die Maschinenlesbarkeit (z.B. in Screenreadern) hemmen. Und eigentlich ist genau dies das Gegenteil von dem, was Mikroformate beabsichtigen. Das ist zwar kein Problem der Publikation, dennoch wäre für die Zukunft wünschenswert, dass eine verstärkte Harmonisierung der Spezialdisziplinen in der Webentwicklung stattfindet. Verlage wie O'Reilly können hier wichtige Impulse liefern. Oft genug geschieht dies bereits. Denn es bleibt festzuhalten, dass alle gegenwärtig zur Verfügung stehenden Mikroformate dargestellt werden und der TecFeed einen guten Überblick über das Thema liefert. Von den gängigen Onlineplattformen in CMS-, Wiki- oder Blog-Manier lässt sich das nicht mehr behaupten.
Der TecFeed an sich
Mit dem TecFeed wurde ein Format kreiert, das sich der unübersichtlichen Strukturierung entzieht und dem Eigenanspruch an Kompaktheit gerecht wird. Das digitale Dokumentenformat bietet noch ein Potenzial, das bisher weder in der Produktion, noch im Branding, noch im Marketing berücksichtigt wurde. PDFs eröffnen die Möglichkeit, Dokumente barrierefrei umzusetzen. Das Barrierefreiheitsmotto "Für alle!" wird aber noch nicht so recht eingebracht, obwohl sich die Zugänglichkeit auf technischer Ebene heutzutage schon recht gut automatisieren lässt. Zwar sind Textkopien für versierte Screenreader-Benutzer einigermaßen zugänglich, aber in Sachen Strukturierung und Navigation gibt es noch Optimierungspotenzial. Der erste Schritt ist getan und hoffentlich entwickelt sich die Marke weiter.
Wenn inhaltsrelevante Verlage diese Formate inhaltlich und technisch qualitativ puschen, befriedigen sie nicht nur den Bildungshunger behinderter Menschen und das eigene Absatzziel, sondern nebenbei auch den Gerechtigkeitswahn von Sozialschnuffis. Was allerdings verwundert, ist die Preisgestaltung. TecFeeds kosten meistens 8,90 Euro bei durchschnittlich 55 Seiten. Eine IT-Publikation zwischen zwei Pappdeckeln (=Buch) mit 330 Seiten im Vierfarbdruck kostet derzeit je nach Produktionsmodus etwa 35,00 Euro bis 40,00 Euro. Als TecFeed-Leser bezahlt man für etwa 330 Seiten etwa 53,40 Euro. Wers in der Hand halten will oder muss, investiert nochmals etwa 2,50 Euro für Papier und Toner. Warum? Hierfür gibt es eine gelbe Karte mit vollständiger Rehabilitierung im Falle von Preissenkungen oder einen Widerruf im PHP Magazin zu dieser Kritik, wenn uns überzeugende Argumente genannt werden.
Fazit
Inhaltlich überzeugen die TecFeeds aber wie die meisten O'Reilly-Veröffentlichungen durch ein hohes Niveau an inhaltlicher Qualität. Sämtliche TecFeeds können unter http://www.oreilly.de/tecfeeds/ erworben werden. Ach ja, als attraktive Gabe unter dem Weihnachtsbaum ist der TecFeed ungeeignet.




